Rot wie Blut und Liebe

Kennst du das Land, wo der Pfeffer wächst? Wo sich Lianen um verlorene Tempelstätten ranken und sich der Mekong durchs flache Land schlängelt wie eine goldene Schlange. Kambodscha klingt fremd, exotisch, wie ein untergegangenes Königreich aus vergangenen Zeiten und irgendwie ein bisschen schwer. Ein kleines Fleckchen Erde, für das sich der Rest der Welt wenig interessiert. Eingequetscht zwischen den bekannten Exoten Thailand und Vietnam, im fernen Osten.

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Kambodscha ist eine Welt für sich. Sie ist bunt und staubig. Laut. Lustig. Und unfassbar traurig, von jahrzehntelanger Last des Bürgerkriegs geprägt. Das Leben geht hier einfach und erdrückt dich im nächsten Moment.

Lass dich treiben im bunten Gewusel der riesigen Märkte, die du in jedem noch so kleinen Städtchen findest. Deine Sinne spielen verrückt, fahren Achterbahn bei all den fremd aussehenden Früchten, einengenden Gerüchen und der Hitze. Eine lachende Frau schwingt kraftvoll ihr Beil und haut einem Huhn den Kopf ab. Fische zappeln auf Tischen und fallen vor dir auf den Boden. Das Wellblechdach schützt vor der Sonne und lässt dich schwer atmen von all der gestauten und verbrauchten Luft. Ein Mann auf seinem Moto schlängelt sich durch das enge Labyrinth der dunklen Gassen voller Menschen, eine kichernde Frau zieht dich auf die Seite.

Wenn du es zulässt, nehmen sie dich mit. Rein in ihr Leben, das geprägt ist von Lachen und Leichtigkeit, gezeichnet von Tod und Trauer. Die Straße, mal wieder blockiert von einem riesigen Festzelt. Egal ob Hochzeit oder Beerdigung, gefeiert wird immer. Du tanzt, lachst und trinkst mit, obwohl du kein Wort verstehst. Fährst nach Hause auf deinem Klapperrad, vorbei an prunkvollen Pagoden und ausgemergelten Straßenkindern. Durch das Backpackerviertel, grölende Besoffene, Arm in Arm mit einer jungen Kambodschanerin.

Kambodschanische Familie

Kambodscha ist eine Welt für sich. Sie ist dreckig und versifft. Korrupt. Gefährlich. Und ungemein schön.

Du hörst Geschichten. Von Menschen, vertrieben von ihrer Heimat. Auge in Auge mit Bulldozern, die ihre Häuser platt machen wollen. Gekämpft bis zum Schluss, bis das ganze Dorf in Feuer aufgeht, Proteste aufgelöst werden von einer Flut aus Fäkalien. Die Wirtschaft boomt, die Menschen leiden. Kautschuk und Tourismus wächst. Der Reisebus teilt sich die enge Straße mit Arbeiterinnen der Textilfabrik, stehend und eingequetscht wie Vieh auf der Ladefläche eines Lastwagens. Vorbei an wackligen Hütten in Richtung türkises Meer. Die Luft wird leicht und riecht nach Salz und Fisch. Barfuß läufst du über den weißen, verlassenen Strand. Schaust den Krabben beim Graben zu und kannst dein Glück kaum fassen.

Koh Rong Sanluem

Du besuchst die Massengräber. Läufst auf Holzbrücken über den geschundenen Boden, gespickt mit Knochensplittern und Stofffetzen und deine Kehle brennt. Der rote Schmerz einer ganzen Gesellschaft lässt dich kaum atmen, zerquetscht dein Herz. Die dunkle Kälte geht nicht weg, auch nicht von der dich kitzelnden Abendsonne, vorbei an lachenden Kindern und dem Aerobickurs im Park, der dich sonst immer schmunzeln lässt.

Kambodscha ist eine Welt für sich. Sie ist sanft. Ruhig. Lässt dich vergessen. Lieben. Aber nicht verstehen.

Der Dampf der Räucherstäbchen kitzelt deine Nase. Die Familie im Erdgeschoss feiert den Ahnengedenktag. Sie lädt dich ein, mitzufeiern. Es gibt Essen bis zum Umfallen, bergeweise Reis. Die Gastfreundschaft ist überwältigend und erfüllt dich mit einer Wärme, wie es die vom Himmel brennende Sonne nicht vermag. Beim Karten spielen zockt uns die Oma ab, jedes Lachen von uns ist echt und die einzige Verständigungsart.

Mit einem roten Glücksband um den Arm fliegst du zurück in deine Welt, steigst aus und fühlst dich wie aufwachen. Bist verwirrt, blickst zurück. Bruchstückhafte Erinnerungen, die dich verändert haben. Im Traum begegnen sie dir, versuchst zu verstehen. Rot ist Blut und Liebe zugleich. Schönes, schweres Kambodscha. Die dunkle Kälte geht nicht weg. Aber die Wärme auch nicht.

Spielende Kinder

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