Vom Backpacker-Hype und seinem Nachgeschmack

„And how long have you been traveling for?“ Da ist sie wieder. Die anscheinend allumfassende Frage, wenn man sich auf Reisen begibt. Du brauchst nicht von dir zu erzählen, wer du bist, was du gerne magst und wo deine Interessen liegen. Diese Frage scheint mehr über dich auszusagen, als du jemals selbst über dich preisgeben könntest. Und natürlich steigt deine Anerkennung exponentiell mit der Anzahl der Monaten, die du unterwegs bist. Vergiss dein Leben zu Hause, das ist nichts wert. Es zählt alleine, wie viele Länder du in den letzten Wochen besucht hast. Hört sich irgendwie doof an, nicht? Noch doofer wird es, wenn diese Gespräche ca. 90% des gesamten Gesprächsstoffes ausmachen, die du mit anderen Menschen führst.

Boot mit Gepäck

Der gemeine Backpacker ist ein Rudeltier und liebt es, in Stockbetten zu schlafen. Mit ca. 19 Jahren verlässt er das Nest seiner Familie und lebt für ein paar Monate ein Nomaden-Leben. Wie ein Schneckenhaus trägt er all sein Hab und Gut in viel zu großen Rucksäcken auf seinem Rücken und hält es nur ein paar Tage an einem Ort aus. Dann lässt er sich mit seiner Herde, die er wechselt, so bald es ihm zu langweilig wird, in Kleinbussen zur nächsten Touri-Hochburg fahren. Er legt großes Mitteilungsbedürfnis an den Tag, sein Lieblingsthema ist seine Reiseroute: „I did Thailand, Cambodia, Laos, Vietnam…“ Gerne schaut er verträumt in einen Sonnenuntergang, lässt sich dabei fotografieren und verbreitet die Bilder mit Zitaten wie: „Life is a book and those who don’t travel only read one page“ auf seinen Social Media-Kanälen. In den letzten Jahren hat sich der Backpacker massiv vermehrt, kein Land ist mehr vor ihm sicher. Kein Wunder, sein Hobby ist das Sammeln von Visastempeln, je exotischer, desto besser.

Backpacker überqueren einen Fluss.

Während alle das Backpacker-Leben abfeiern, macht es mich eher nachdenklich. Das Reisen ist einfacher, günstiger und ausgefallener geworden. Mit einer Woche Italien gibt sich keiner mehr zufrieden. Es muss immer weiter, länger und exotischer sein als die letzte Reise und natürlich auch als die seiner Facebook-Freunde. Für viele Länder ist Tourismus der wichtigste Wirtschaftszweig geworden und spielt eine große Rolle in deren Entwicklung. Leider habe ich das Gefühl, dass sich diese Entwicklung eher an den Touristen als an den Einheimischen orientiert. Urlaubsorte beginnen sich zu ähneln, obwohl sie sich auf komplett verschiedenen Kontinenten befinden, Fastfoodketten und internationale Klamottenladen füllen die Straßen. Kultur geht verloren.

Und während das Leben der Menschen wie gewohnt ihren Lauf nimmt, schlängeln sich die Lonely Planet-Pfade durch Scheinwelten, die nichts mit Land und Leute zu tun haben. Selten kreuzen sich deren Wege. Touri-Viertel und -Orte werden kaum verlassen und von Station zu Station geht es mit durchorganisierten Busunternehmen. Bei Verspätungen wird dies mit der Mentalität des Landes abgetan, als wisse man darüber Bescheid. Auf den Fahrten treffen sie dann aufeinander, Scheinwelt und Realität, getrennt durch eine dicke Glasscheibe. Da schaut man gebannt auf wacklige Häuser, umgeben von Müllbergen. Fühlt sich eventuell kurz fehl am Platz. Aber da wird man schon am nächsten Partyhostel herausgelassen, das sich kaum vom letzten unterscheidet und das flaue Gefühl ist vorbei.

 

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